Teil I

Das Diversity Journal 02/2021 nimmt die Migrationsagentur (MIA) des Burgenlandkreises aus vier verschiedenen Perspektiven in den Fokus. So begibt sich das IKOE-Team auf die Suche nach Schnittpunkten und Differenzen, fragt nach Chancen und Stolpersteinen und dokumentiert persönliche Evaluation im Spannungsfeld zwischen Rückblick und Zukunft.

Die Betrachtungsperspektiven sind vielschichtig: (1) Zum einen ist es der Blickwinkel der Führung durch den Amtsleiter Herrn Postleb, der eine Perspektive von innen und von oben auf den Prozess hat und seine Gedanken dazu transparent macht. (2) Zweitens wird die Mitarbeitendenperspektive abgebildet durch Frau Wenzel und Frau Moreno: Frau Wenzel als Sachgebietsleiterin der Ausländerbehörde/Personenstandswesen zieht einen Vergleich zu ihrem vorherigen kleinen Sachgebiet, der Unterkunft, und stellt ihre Perspektive aus Sicht einer Ordnungsbehörde zur Verfügung. Frau Moreno als Projektleiterin erweitert den Blick um die Perspektive der Außenwahrnehmung durch Menschen aus internationalen und aus deutschen Hintergründen am Beispiel der Ausstellung „Burgenlandkreis als Heimat?“. (3) Die dritte Perspektive bietet Frau Bräuer als externe Prozessbegleiterin, die nach sechs Jahren Beteiligung den internen Prozess sehr gut kennt, aber auch das „externe Auge“ nie verloren hat. (4) Der Unterschied zwischen Wort und Bild ist Thema der vierten Perspektive: Was bedeutet es, den Burgenlandkreis als neue Heimat gewonnen zu haben? Dabei bietet die Ausstellung „Burgenlandkreis als Heimat?“ (im Rahmen der Pilotmaßnahme EMI BLK) Eindrücke und Erkenntnisse, die über das geschriebene Wort weit hinausgehen.

Interview I: Thomas Postleb

Thomas Postleb leitet die Migrationsagentur seit April 2018. Vorher war er Amtsleiter in der Kreisverwaltung. Als Stellvertretender Betriebsleiter sammelte er zudem 13 Jahre Erfahrungen im Jobcenter im Burgenlandkreis. Der studierte Verwaltungswirt engagiert sich außerdem ehrenamtlich beim Fußball und ist Präsident des FC RSK Freyburg.

Team IKOE: Mit Blick auf den gemeinsamen Prozess im Rahmen von IKOE: Wie haben Sie die Zusammenarbeit zwischen MIA und externer Begleitung erlebt? Welche Chancen konnten genutzt werden, welche Stolpersteine haben das Tun erschwert?

Thomas Postleb: „Im Mittelpunkt des IKOE-Prozesses stand für mich stets der progressive Austausch mit Fachleuten, die uns mit ihrer Expertise auf unserem Weg begleitet haben. Die Kernaufgabe war, eine Willkommenskultur zu entfalten und die Mitarbeitenden in Bezug auf das Thema Diversität zu sensibilisieren. Hier sind wir in großen Schritten vorangekommen. Besonders die persönlichen Treffen, das gemeinsame Arbeiten zum Beispiel im Leitbildprozess, haben die Identität im Miteinander gestärkt.

Natürlich gab es auch immer wieder Herausforderungen. Zeitmangel. Konflikte im Miteinander. Strukturelle Probleme, zum Beispiel durch Unterbesetzung. Es war teilweise für die abgesandten Mitarbeitenden aus dem Jobcenter oder aus dem Jugendamt nicht ganz einfach, innerhalb der MIA Teil einer neuen Idee zu werden, und sich zugleich abgekoppelt vom ursprünglichen Team zu fühlen. Hier war es wichtig, dass alle Bedenken und auch Kritik Raum hatten, dass wir ins Gespräch gekommen sind und dass die Mitarbeitenden sich einbringen konnten. Das kommt in unseren alltäglichen Abläufen sonst auch mal zu kurz. Kommunikation war ein wichtiger Schlüssel im Rahmen der externen Begleitung.“

IKOE: Was war für Sie persönlich das Wichtigste innerhalb dieses Prozesses?

Die Idee der MIA selbst und ihre Weiterentwicklung: Die Migrationsagentur im Burgenlandkreis steht für einen Verwaltungsansatz, der allein durch seine Struktur hilft, Prozesse zu verbessern. Ein so großer, tiefgehender Veränderungsprozess braucht aber unbedingt eine externe professionelle Begleitung, um das Dranbleiben zu sichern. Den Blick von außen und die Rückspiegelungen fand ich gut.

IKOE: Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell?

Wir stecken in der vierten Welle und die 1,5 Jahre Pandemie haben das Arbeiten mächtig erschwert. Über Home-Office konnten wir die Arbeit und die Kommunikation aufrechterhalten und waren auch mit den Ratsuchenden gut in Kontakt. Aber gerade das Persönliche und der unmittelbare Austausch kamen in den letzten Monaten zu kurz. Die Vernetzung mit externen Kooperationspartnern hat darunter auch gelitten, zumal etliche Veranstaltungen nicht stattfinden konnten. Wo möglich, haben wir Online-Formate angeboten. Insofern – und das ist das Gute im Schlechten – haben wir uns in Bezug auf das Thema Digitalisierung weiterentwickelt. So gesehen, mit Blick auf das Gelungene, waren wir trotz aller Herausforderungen und zum Teil hoher Krankenstände während der Pandemie immer arbeitsfähig und für unsere Kundschaft da.

IKOE: Mal angenommen, Sie könnten in die Zukunft schauen: Wo sehen Sie die MIA in fünf Jahren?

Ich will das weiterführen, was wir angefangen haben. Wir haben in einem partizipativen Prozess ein Leitbild entwickelt, da können wirklich alle Mitarbeitenden stolz sein: Das haben wir zusammen geschafft! Ich wünsche mir, dass wir dieses Leitbild nun noch stärker mit Leben füllen.

Natürlich werden wir auch weiterhin unsere Abläufe überprüfen und unseren Büroalltag unter die Lupe nehmen. Die verschiedenen Arbeitsebenen innerhalb der MIA könnten noch besser zusammenarbeiten: Wenn wir die MIA richtig nutzen, werden auch die Wege noch etwas kürzer.

In fünf Jahren haben wir im Burgenlandkreis das Bewusstsein geschaffen, dass wir alle von mehr Vielfalt profitieren. Die Unternehmen stellen Fachkräfte aus internationalen Hintergründen ein, welche drei bis vier Sprachen sprechen. Diversität innerhalb der MIA wird noch mehr als Ressource gesehen. Wir haben uns verjüngt und leben in einer offeneren Gesellschaft – mit der steten Bereitschaft, uns zu verändern und weiterzuentwickeln.

Und in fünf Jahren werden wir trotzdem immer wieder unsere Arbeit auf den Prüfstand stellen, wir werden nicht in Routinen verfallen, sondern flexibel und innovativ bleiben.

Interview II: Nicole Wenzel

Nicole Wenzel ist seit Dezember 2019 Sachgebietsleiterin in der Ausländerbehörde/Personenstandswesen. Die studierte Verwaltungswirtin leitete von 2015 bis 2019 das Sachgebiet Unterkunft. Zuvor hatte sie Erfahrungen auf kommunaler Ebene gemacht, unter anderem als Leiterin eines Bauamtes.

Team IKOE: Im Dezember 2019 haben Sie dieses Sachgebiet übernommen - was war für Sie anders als beim Sachgebiet Unterkunft?

Nicole Wenzel: „Im Sachgebiet Unterkunft hatte ich ein kleines Team, das Sachgebiet war damals neu – da hatten wir viele Gestaltungsspielräume und konnten auch sehr unkompliziert den politischen Visionen folgen. Ein Beispiel ist die dezentrale Unterbringung von Geflüchteten, die hier im Burgenlandkreis schon früh praktiziert wurde, weil unser Landrat darin eine Chance sah. Das hat sehr gut funktioniert.

Das Team der Ausländerbehörde ist viel größer, sehr erfahren und eingespielt, hier gibt es wenig Ermessensspielräume, was in der Natur der Sache liegt: Wir sind eine Ordnungsbehörde und im Sinne des gebundenen Verwaltungshandeln aufgefordert, die im Gesetz vorgesehene Rechtsfolge herbeizuführen. Ich habe nun in meiner Rolle wesentlich mehr Kontakt zu unserer Kundschaft, aber ebenso zu Rechtsanwälten und Rechtsanwältinnen. Mir ist durch den Wechsel sehr direkt bewusst geworden, wie unterschiedlich unsere Sachgebiete innerhalb der MIA sind.“

Team IKOE: Was haben Sie seitdem gemeinsam mit Ihrem Team geschafft? Was sind wichtige Erfolge gewesen?

Nicole Wenzel: „Im Sinne einer gelingenden Integration haben wir als Ausländerbehörde zum Teil die eher ungeliebten Aufgaben wie Abschiebung und Klageverfahren zu bewältigen. Aber im Gesamtwirken der MIA sind es wichtige Erfolge, wenn es uns gelingt, Straftäter abzuschieben, zum Teil aus der Haft heraus, was sich recht kompliziert gestaltet. Es sind auch definitiv Erfolge, wenn wir Widerspruchs- und Klageverfahren gewinnen, weil das unsere Arbeit und unsere Entscheidungen bestätigt. Wir haben außerdem eine kleinere Umstrukturierung vorgenommen und trotz Corona immer für alles eine Lösung gefunden, auch aus dem Homeoffice heraus.“

Team IKOE: Sie haben den IKOE-Prozess aus der Perspektive „Unterkunft“ und aus der Perspektive „Ausländerbehörde, Personenstandswesen“ erlebt. Was war für Sie persönlich wichtig in diesem extern begleiteten Prozess?

Nicole Wenzel: „Spürbar war für mich ein Zusammenwachsen der Sachgebiete und der Ämter unter dem Dach der MIA. Insgesamt finde ich unser Betriebsklima gut. Wir arbeiten sachgebietsübergreifend auf vielen Ebenen zusammen und orientieren uns sehr an unseren Kundinnen und Kunden. Durch die externe Begleitung wurde eine Menge angestoßen. Es gab die Möglichkeit, vieles anzusprechen in einem moderierten Rahmen, das hat Wirkung gezeigt. Dennoch gibt es auch heute noch hier und da Konflikte. Das gehört wohl ein Stück weit dazu in einer so vielfältigen Behörde mit sehr unterschiedlichen Aufgaben.“

Team IKOE: Wie hat sich seit 2018 aus Ihrer Perspektive die Zusammenarbeit innerhalb der MIA weiterentwickelt? Was läuft mittlerweile richtig gut?

Nicole Wenzel: „Die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter und dem Jugendamt hat sich sehr gut entwickelt. Vorher gab es kaum Kontakte mit diesen Ämtern – die waren für uns wie ein Buch mit sieben Siegeln - und die Kommunikation war oft schwierig. Jetzt läuft es super. Auch die Kooperation zwischen den anderen Sachgebieten untereinander hat sich überwiegend positiv entwickelt. Das sonst so klassische ‚Einhalten der Dienstwege‘ bedeutet ein eher steifes Gebilde. Wir sind hier aufgefordert, im alltäglichen Tagesgeschäft die kurzen Wege zu suchen und ein unbürokratisches Miteinander zu fördern. Hier haben uns auch die Workshops und Supervisionen im Rahmen vom IKOE-Projekt geholfen, noch besser miteinander zu kommunizieren und uns auf Lösungen zu fokussieren.

Zukünftige Herausforderungen wird es in neuen Projekten, Umstrukturierungen im Jahr 2022 und möglicherweise einer erneut verstärkten Zuwanderung geben. In Bezug auf den IKOE-Prozess wünsche ich mir Nachhaltigkeit, die ist in der Pandemie ein wenig auf der Strecke geblieben, ich hoffe, da können wir in der MIA wieder daran anknüpfen.“

Interview III: Barbara Bräuer

Barbara Bräuer ist selbstständige Systemische Prozessbegleiterin sowie Diversity-Beraterin aus Halle und war seit 2015 immer wieder für die AGSA im Burgenlandkreis im Rahmen von Coaching, Supervision und Workshops tätig. Wir waren interessiert an ihrer Perspektive von außen.

Team IKOE: Was dachten Sie, als Sie 2015 für diesen Prozess angefragt wurden?

Barbara Bräuer: „Als erstes habe ich mich gefreut und war neugierig auf den Burgenlandkreis, auf die Menschen dort. Ich hatte aber ehrlich gesagt auch ein wenig Sorge, da meine Erfahrungen im Zusammenhang mit interkultureller Sensibilisierung im ländlichen Umfeld, aber auch in einer Stadt wie Halle, zum Teil herausfordernd waren. Ich selbst bin in Hamburg geboren und arbeite viel in Berlin – natürlich sind international orientierte Großstädte diverser und offener in Bezug auf Vielfalt. Aber das Besondere im Burgenlandkreis war von Anfang an, dass es durch den Landrat Götz Ulrich eine Vision gab – daher war, ganz anderes als in anderen ländlichen Regionen, eine klare Orientierung mit starker Zugkraft gegeben.“

Team IKOE: Rückblickend auf die letzten sechs Jahre: Wie hat sich die Zusammenarbeit entwickelt? Welche Entwicklungen haben Sie wahrgenommen?

Barbara Bräuer: „Von Anfang an habe ich eine große Aufgeschlossenheit unter den Mitarbeitenden und Führungskräften erlebt. Die MIA bzw. das vorherige Integrationsamt sind ambitioniert in die Veränderungsprozesse gestartet. Am Anfang war der Vertrauensaufbau sehr wichtig. Von außen setzen wir Impulse, geben Inputs, aber die Expertinnen und Experten für das inhaltliche Tun und die Fachexpertise sind die Mitarbeitenden. Ich habe die MIA als eine lernende Organisation wahrgenommen: Es wurde einiges ausprobiert, manches verworfen, vieles integriert. Der Raum für Kommunikation in Workshops und Teamsupervisionen tat den Mitarbeitenden gut, stärkte zum Teil die Identität, beanspruchte aber auch viel Zeit. Da war irgendwann eine Müdigkeit spürbar. Dann kam auch noch die Pandemie. Das hat die Kommunikation erschwert und manche Prozesse verlangsamt. Ich habe aber jetzt das Gefühl, dass im Zuge der Umfrage, die wir im Herbst durchgeführt haben, wieder frischer Wind in der MIA weht.“

Team IKOE: Gab es noch andere Stolpersteine und Hindernisse?

Barbara Bräuer: „Es gab natürlich auch Widerstände, aber Widerstände sind ja durchaus berechtigt in großen Veränderungsprozessen und geben wertvolle Hinweise darauf, was wir im Prozess beachten sollten, um gut im Fluss zu bleiben. Das damals neu gegründete Team Integration hat auch von außen viel Aufmerksamkeit erfahren und machte das Neue, das Besondere des damaligen Integrationsamtes aus. Es gab auch immer mal wieder Reibungen zwischen den Sachgebieten. Aber Reibung erzeugt bekanntlich auch Wärme – mein Eindruck ist, die Mitarbeitenden und Leitungen können mittlerweile besser mit Konflikten umgehen, sprechen die Themen an und geben sich Feedback. Das braucht Mut, und da gab es auf jeden Fall spannende Entwicklungen.“

Team IKOE: Was möchten Sie der MIA zum Ende des Projekts mit auf den Weg geben?

Barbara Bräuer: „Ich wünsche allen, die in der MIA arbeiten, gute Energie im Miteinander und das Bewusstsein, dass alle Erfolge, die die MIA erreicht hat, gemeinsame Erfolge sind.“

Interview IV: Sonia Moreno

Frau Sonia Moreno ist Mitarbeiterin der MIA. Sie leitet das Projekt Interreg Central Europe ARRIVAL REGIONS für den Burgenlandkreis. Die gebürtige Spanierin lebt seit 2015 in Zeitz, spricht vier Sprachen und ist in ihrer Freizeit als Ehrenamtliche aktiv. Unter anderem hat sie die Initiative „Weltoffenes Zeitz“ gegründet.

Die Ausstellung „Burgenlandkreis als Heimat?“ ist im Rahmen der Pilotmaßnahme EMI BLK unter ihrer Leitung konzipiert worden. Beteiligt waren junge deutsche ebenso wie migrantische Erwachsene, welche ihre Lieblingsorte im Burgenlandkreis fotografisch und mit kurzen Texten vorstellten. Die Ausstellung war vom 19. Bis 30.11.2021 in Zeitz zu sehen. EMI steht übrigens für „Empowering Migrants‘ Integration“.

Team IKOE: Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?

Sonia Moreno: „Im November 2019 machten wir eine Studienreise nach Pettinengo, das ist ein kleines Dorf in Italien. Dort inspirierte uns die Ausstellung „Souvenir“, in der Menschen mit Migrationsgeschichte ihre wichtigsten Momente in Fotografien zeigten. Diese Bilder haben mich sehr berührt und ich dachte, dass es toll wäre, etwas in dieser Art im Burgenlandkreis umzusetzen.“

Team IKOE: Wie lief die Konzeption und Durchführung?

Sonia Moreno: „Tatsächlich lief alles sehr reibungslos. Es haben sich neun Teilnehmende gemeldet, die gern mitmachen wollten, im Alter zwischen 17 und 35 sowie aus sieben verschiedenen Ländern inklusive Deutschland. Mein italienischer Kollege Alessandro kam Ende Juni zur Unterstützung. Wir haben die Teilnehmenden mit dem Auto abgeholt und sind einige Tage lang kreuz und quer durch den ganzen Burgenlandkreis gefahren, um zu dem jeweils individuellen besonderen Ort zu gelangen. Alessandro hat die jungen Leute vor Ort interviewt und anschließend haben sie ihre Fotos gemacht. Das Ausdrucken erfolgte professionell bei der Firma Winterberg Promotion in Weißenfels. Ich hatte auch tolle Unterstützung durch Roman Mikhaylov, er ist studentische Hilfskraft am Leibniz Institut in Leipzig und hat bei der Organisation und Umsetzung mit angepackt.

Ein bisschen Sorge hatten wir wegen der steigenden Corona-Zahlen, aber es hat zum Glück noch geklappt, dass die Eröffnung mit vielen Gästen stattfinden konnte. Es war toll, ein Teil davon zu sein und damit auch Zeitz mitzugestalten.“

Team IKOE: Was ist für Sie persönlich ein besonders wichtiger Erfolg in Bezug auf die Ausstellung? Gab es etwas, was Sie besonders bewegt hat?

Sonia Moreno: „Ich muss sagen, dass das ganze Projekt ein Erfolg war. Obwohl wir nur 10 Tage jeweils zwei Stunden geöffnet hatten, kamen über 80 Personen, um die Ausstellung zu sehen. Das Interesse war groß, das konnte ich vor allem in den persönlichen Gesprächen mit den Gästen spüren. Bei der Eröffnung war das ganze Sachgebiet Integration vor Ort, außerdem Projektpartner aus anderen Städten, Bekannte, Kolleginnen, das war eine tolle Wertschätzung für die jungen Menschen. Für die restlichen Tage stellte sich mir damals unweigerlich die Frage: Werden denn die Zeitzer auch kommen? Das war dann die große Überraschung: Es kamen etliche aus Zeitz und aus der lokalen Umgebung – einfach, weil sie neugierig waren oder mehr wissen wollten. Es haben sich für mich häufig interessante und auch sehr persönliche Gespräche ergeben. Die Menschen waren tiefergehend an dem interessiert, was wir hier gemacht haben. Ich hatte ein Gästebuch vorbereitet und es hat mich zum Teil sehr berührt, was die Besucher und Besucherinnen dort hineingeschrieben haben. Es gab viel positives Feedback.

Was am Ende zählt ist, dass wir alle den Burgenlandkreis als Heimat teilen.
Sonia Moreno, Mitarbeiterin MIA

Das Besondere an der Ausstellung ist ja, dass es nicht die Menschen zeigt, um die es geht, sondern dass deren Bilder, deren Orte gezeigt werden. Da hatte ich ein bisschen Angst: Wie wird das aufgenommen? Wie kommt das an? Ich mag es nicht, wenn im Rahmen von Integrationsprojekten die Betroffenen showmäßig in den Vordergrund gerückt werden: Eine Person of Colour wird gezeigt, ein Araber mit Bart und eine Muslima mit Kopftuch – und schon sind wir ‚ganz weltoffen und international‘. Wenn man genauer hinschaut, sind das immer dieselben Stereotype. Für mich greift das zu kurz. Mich hat bewegt, dass wir Erfolg hatten, indem wir einfach zeigten, was alle hier verbindet: Lieblingsorte, die jeder und jede hat, hier bei uns in der Region. Der Burgenlandkreis als Heimat für uns alle – und es ist egal, wo du herkommst, ob du deutsch bist oder zugewandert oder geflüchtet oder zugezogen – total egal.“

Teil II: Ausstellung „Burgenlandkreis als Heimat?“

Die Ausstellung „Burgenlandkreis als Heimat?“ ist im Rahmen der Pilotmaßnahme EMI BLK unter der Leitung von Frau Sonia Moreno konzipiert worden. Beteiligt waren junge deutsche ebenso wie migrantische Erwachsene, welche ihre Lieblingsorte im Burgenlandkreis fotografisch und mit kurzen Texten vorstellten. Die Ausstellung war vom 19. Bis 30.11.2021 in Zeitz zu sehen. EMI steht übrigens für „Empowering Migrants‘ Integration“.

Dieser Ort begleitet mich schon seit ca. 14 Jahren als ehemaliger Probenort für Theater. Die Kultur-Villa hat viel zu meiner persönlichen Entwicklung beigetragen. Sie ist nicht nur für jüngere Generationen wichtig, sondern auch für die Kultur und die künstlerische Bildung in Zeitz. Sie macht die kulturelle Landschaft der Stadt mit aus. Außerdem habe ich auch einen sehr persönlichen Bezug darauf: Durch die Kultur-Villa Kolorit habe ich viele Freunde und auch Rotraud und Tom kennengelernt.
JULIA ROTHE, Zeitz

„Wenn du einen Garten und dazu noch eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen.“
Marcus Tullus Cicero

In Bezug auf diesen Spruch erkenne ich mich darin wieder. Als ich nach Deutschland kam, war die erste Anlaufstelle die Stadtbibliothek in Naumburg, in der ich den ersten Kontakt mit der soziokulturellen Umgebung verknüpfen konnte. Nach meiner Ankunft hatte ich großes Interesse, über die deutsche Sprache und Kultur zu lernen. Diese Möglichkeiten findet man leicht in der Stadtbibliothek Naumburg.

Der Besuch der Bibliothek war sehr hilfreich für mich. Dadurch konnte ich meine Sprachkenntnisse erweitern und meinen Weg in Richtung Integration finden.
Die Empfängerinnen dort begrüßen einen sehr herzlich und hilfreich. Ich fand es sehr beeindruckend, wie sie sich besonders für Neuankömmlinge in der Stadt einsetzen.

Um meine deutsche Sprache zu verbessern, habe ich angefangen, Bücher in leichter Sprachen zu lesen. Entsprechend kann man sich auch von den Mitarbeiterinnen fürsorglich beraten lassen.

In der Bibliothek kann man nicht nur lesen, sondern auch neue Menschen kennenlernen. Aus meiner Sicht kann man in der Bibliothek leicht mit den Menschen in Gespräch kommen. Es ist eine gute Gelegenheit, Teil der lokalen Gesellschaft zu sein.

Ich würde gern die Bibliothek meinen Lieblingsort nennen, da ich mich dort wohlfühle, entspannen und der Fantasie freien Lauf lassen kann. In jeder Ecke der Bibliothek fühle ich mich willkommen, wie zu Hause.

MATILDA DENJA, Naumburg

Dieser Ort erinnert mich an mein Land und vor allem an meine Kindheit, denn hier bin ich in Harmonie mit der Natur. Der Gesang der Vögel, die Ruhe, der natürliche Geruch von der Erde und den Pflanzen erinnern mich an die Zeit meines Lebens, die ich in der Nähe meiner Großmutter verbracht habe.
ROMBA ALI DAGNOGO, Zeitz

Auf diesem wunderschönen Foto könnt ihr einen Teil des Indianerspielplatzes in Breitenbach sehen. Es handelt sich um einen Platz mit verschiedenen Spielgeräten, der umgeben von einem sehr blühenden Waldgebiet und einem Gelände mit Wildpferden ist. Außerdem gibt es einen großen Aussichtsturm. Von ihm aus kann man einen herrlichen Sonnenuntergang genießen. Dieser magische Ort ist ein Teil meiner Kindheit. Ich verbinde mit ihm ganz besondere Gefühle. An diesem Platz darf ich frei sein, glücklich und auch mal kindisch. Zudem ist es ein Ort, der Familien an einem sonnigen Tag zusammen kommen lässt. An diesem Ort darf ich „ich“ sein!

SOPHIE MIßBACH, Schellbach

Es ist schön hier. Die Bäume sind schön. Ich mag das Geräusch vom Wasser. Hier ist es still, man kann nachdenken. Ich beobachte die Enten. Ich fühle mich besser, wenn ich hierherkomme. Ich mag diesen Platz auch, weil ich hier schon mal mit meiner Cousine, die meine beste Freundin ist, war. Ich habe viele Erinnerungen an diesem Platz. Ich rede manchmal mit den Enten. Ich gucke, wie sie essen und leben.

YAMAMA SWEID, Zeitz

Imprint

 

Konzeption & Text: Team IKOE

Gestaltung, Umsetzung & Programmierung: Oliver Bunke, Oligoform GBR

Erscheinungsdatum: 2022

Seriennummer: Diversity Journal IKOE III / 12

ViSdP: Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e. V.:
IKOE - Fachstelle Interkulturelle Orientierung und Öffnung Sachsen-Anhalt

Sämtliche Rechte an Text, Bild & Gestaltung liegen bei der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e. V.: Netzwerk Interkulturelle Orientierung / Öffnung – Fortbildungs- und Beratungsservice für Verwaltungen, Servicestelle IKOE

Bildrechte (wenn nicht anders angegeben): Team IKOE, Barbara Bräuer