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Editorial

Die Unionsbürger* gehören in Sachsen-Anhalt zur zahlenmäßig stärksten Zuwanderungsgruppe. Facharbeiterinnen und Facharbeiter, Pflegekräfte, Personal in Pflegeeinrichtungen aber auch eine große Zahl an akademisch ausgebildeten EU-Angehörigen, die schon länger in Sachsen-Anhalt leben, tragen zur Vielfältigkeit dieser Gruppe bei (In diesem Journal wird aus Gründen der sprachlichen Einheitlichkeit und unter Orientierung am Sprachgebrauch der EU-Gleichbehandlungsstelle des Bundes ‚EU-Bürger‘ oder ‚Unionsbürger‘ formuliert, womit grundsätzlich alle Unionsbürgerinnen wie Unionsbürger adressiert sind).

Eine große Anzahl dieser Unionsbürger sind mobile Beschäftigte, die sich im Rahmen der Arbeitnehmerfreizügigkeit kurzoder mittelfristig in Sachsen-Anhalt aufhalten (‚Europäische Arbeitsmigration‘). Von den in Sachsen- Anhalt lebenden Ausländerinnen und Ausländern waren 2020 etwa ein Drittel im Rahmen der Freizügigkeitsregelungen nach EU- Recht als Arbeitnehmer mit sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung im Land. Die Beschäftigungsquote von Unionsbürgern in Sachsen-Anhalt, d.h. Personen mit sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, ist in dieser Gruppe generell hoch und lag 2020 bei 60,2 % und damit an zweithöchster Stelle nach deutschen Beschäftigen.

Aus diesem hohen Anteil an Unionsbürgern auf dem deutschen Arbeitsmarkt ergeben sich unter anderem umfangreiche Bedarfe an Beratung und Information zu den Voraussetzungen und rechtlichen Rahmenbedingungen von Arbeitsmarkt- und sozialer Integration. Vielerorts mangelt es noch daran. Und nicht nur das. Denn in der Praxis ist das den Unionsbürgern mit der Unionsbürgerschaft verbriefte Recht auf Gleichbehandlung und Diskriminierungsfreiheit häufig nicht eingelöst. Zudem bestehen Zugangsprobleme: Beratungsangebote von staatlichen Stellen und ohne muttersprachliche Übersetzung werden von EU-Migranten häufig skeptisch betrachtet und in der Summe unzureichend genutzt.

Die Corona-Krise hat die hiermit verbundenen Probleme im Integrationsprozess verdeutlicht und verschärft, denn viele Unionsbürger sprechen kaum Deutsch, sind in prekären Beschäftigungsverhältnissen tätig und wenig informiert über ihre Rechte als Arbeitnehmer. Der Beratungsbedarf infolge der Corona-Krise ist bei den Unionsbürgern stark gestiegen. Weitere Hürden der sozialen Integration für Unionsbürger ergeben sich daraus, dass der Integrationsstand regional stark divergiert und lokale Angebote häufig noch nicht den realen Bedarfen gemäß angepasst sind.

Die migrationsspezifischen Beratungsangebote Sachsen-Anhalts wie MBE, JMD werden stark ortsabhängig von vielen Unionsbürgern bislang genutzt, Tendenz steigend. Gleichzeitig ist vielen Unionsbürgern nicht bewusst oder bekannt, dass solche Angebote sich auch an sie richten. Fehlende oder mangelnde Sprach-, Orts- und Sozialkenntnisse erschweren allerdings die eigenständige Lebensgestaltung beträchtlich.

Ein Grund mehr, bei schon länger hier lebenden Unionsbürgern einmal genauer nachzufragen, wie sie selbst den Interkulturellen Öffnungsprozess einschätzen, welche eigenen Erfahrungen sie hierbei prägten und welche Perspektiven sie vorschlagen, bestehenden Herausforderungen zu begegnen.

Diversity Journal hat hierzu zwei Porträts in Form von Interviews entwickelt –mit Elena Orsini und Monika Górka. Die beiden Frauen mit dem Lebensmittelpunkt in Sachsen-Anhalt sind mit viel persönlichem Engagement seit Jahren in und für ihre Community ehrenamtlich tätig.

Sie verfügen über differenzierten Einblick, was die alltäglichen Sorgen, Erwartungen, Wünsche ihrer Landsleute betrifft. Und sie bieten mit ihrem eigenen Kopf und ihrer individuellen Wahrnehmung persönlicher Erfahrungen wertvolle Einblicke in das Lebensgefühl jener Zuwanderungsgruppe in Sachsen-Anhalt, die zwar zahlenmäßig die größte ist, aber von vielen häufig nicht so wahrgenommen wird.