IKOE und IKÖ

unterschiedliche Voraussetzungen in den Bundesländern und im Ost-West-Gefälle

Interkulturelle Orientierung und Öffnung (IKOE) und Interkulturelle Öffnung (IKÖ) sind seit geraumer Zeit die integrationspolitischen Schlüsselbegriffe wenn es darum geht, Veränderungsprozesse in Organisationsstrukturen methodisch zu beschreiben. Das Überblickswerk zum Thema von Hubertus Schroer und Sabine Handschuck mit Theoretischen Grundlagen und 50 Aktivitäten zur beispielhaften Umsetzung (2012)[1] ebenso wie das gleichnamige Handbuch Interkulturelle Öffnung von Elisabeth Vanderheiden und Claude-Hélène Mayer (2014)[2] gehören mittlerweile zu den Standardwerken der fachlichen Verständigung über Öffnungsprozesse in Organisationseinheiten – von der öffentlichen Verwaltung über die Institutionen der Sozialen Arbeit oder die Polizei bis hin zu den Einrichtungen des ehrenamtlichen Engagements. Doch sind die methodischen Instrumentarien zur Bedarfserfassung interkultureller Öffnungsprozesse für die alten wie für die neuen Bundeländer die gleichen? Inwiefern lassen sich die Herausforderungen der interkulturellen Kompetenzentwicklung in allen Bereichen der Gesellschaft ohne Berücksichtigung der spezifischen demographischen, gesellschaftlich-politischen, sozialhistorischen Voraussetzungen in den Bundesländern miteinander vergleichen?

 

Fest steht: Die Interkulturelle Öffnung der Verwaltung soll öffentliche Institutionen auf neue Aufgaben in einer Einwanderungsgesellschaft vorbereiten. Seit Beginn der 1990er-Jahre gibt es eine verstärkte Debatte über die Inhalte, die mit Begriffen wie "Interkulturelle Öffnung" oder "Interkulturelle Kompetenz" verknüpft werden. Gleichzeitig entwickelte sich ein umfangreicher "Trainingsmarkt" für Verwaltungsmitarbeiter und Unternehmen, auf dem Schulungen und Seminare zur "interkulturellen Kompetenz" angeboten werden. 

Fest steht aber auch: Interkulturelle Öffnungsprozesse gestalten sich nicht nur in den einzelnen Bundesländern verschiedenartig. Es gibt vielmehr auch strukturelle Unterschiede zwischen den föderalen Ebenen sowie zwischen den östlichen und westlichen Bundesländern einschließlich Berlin. Absehbar werden in den östlichen Bundesländern dem Arbeitsmarkt generell und damit auch der öffentlichen Verwaltung weniger junge Bewerber*innen zur Verfügung stehen. Menschen mit Migrationshintergrund stellen hier einen deutlich geringeren Anteil an der Bevölkerung als in den westlichen Bundesländern und sind häufiger selbst zu-gewandert (erste Generation) und nicht bereits in Deutschland aufgewachsen (zweite Generation). Auch die Wirkungen der Abwanderungswelle, die ihren Höhepunkt 2008 überschritten hat, sind noch längst nicht abgefedert bzw. wirken soziodemographisch vielfältig nach.

Vor allem ist die Vertrautheit mit migrantischen Communities in vielen Kommunen in den ostdeutschen Bundesländern eine andere als in den alten Bundesländern. Vielerorts fehlt es noch an Strukturen, in denen die Selbstorganisation von Communities und Migrantenorganisationen eine gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht. Die interkulturelle Öffnung von Organisationseinheiten wie Verwaltungen ist zwar in vielen Landkreisen und Städten auf den Weg gebracht, in Sachsen-Anhalt beispielsweise zentral unterstützt von den Koordinierungsstellen für Integration und Migration und eine Vielzahl an Beratungsstellen für Zugewanderte aus Drittstaaten wie für Unionsbürger. Der Nachholbedarf der Strukturen und Netzwerke gegenüber den westdeutschen Bundesländern scheint aber nach wie vor noch enorm. Das betrifft beispielsweise auch solche wichtigen Indikatoren wie die Angebote für muttersprachliche Kommunikation in Behörden und Regelinstitutionen, die in vielen westdeutschen Bundesländern von ehrenamtlich agierenden Migrantenorganisationen und Communities angeboten und übernommen werden.in Behörden und Regelinstitutionen, die in vielen westdeutschen Bundesländern von ehrenamtlich agierenden Migrantenorganisationen und Communities angeboten und übernommen werden.


[1] Sabine Handschuck, Hubertus Schroer: Interkultureller Orientierung und Öffnung. Theoretische Grundlagen und 50 Aktivitäten zur Umsetzung. Augsburg 2012.

[2] Elisabeth Vanderheiden, Claude-Hélène Mayer (Hg.): Handbuch Interkulturelle Öffnung. Grundlagen, Best Practice, Tools. Göttingen 2014.

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Herausforderungen …

… der Kooperation im Kontext Interkulturelle Orientierung und Öffnung und der Notwendigkeit einer gezielten Netzwerkbildung ‚IKÖ Ost‘

Halten wir noch einmal fest: Das Themenfeld „Interkulturelle Orientierung und Öffnung“ (IKÖ) findet sich als gesellschaftspolitische Querschnittsaufgabe nach wie vor in unterschiedlichem Ausmaß umgesetzt, in seiner Bedeutung wahrgenommen und kommuniziert. Besonders auffällig ist das Gefälle zwischen alten und neuen Bundesländern hinsichtlich der strukturellen Ausgangsvoraussetzungen, der Unterstützungsstrukturen und der Kompetenzen für eine vielfaltsorientierte Organisationsentwicklung und ihre Prozessunterstützung in öffentlichen Einrichtungen (Verwaltungen, Bildungseinrichtungen und andere Regelinstitutionen. 

Namentlich fehlt es im Kontext der IKÖ-Prozesse an einer projekt- und länderübergreifenden Vernetzung und Koordinierung fachlicher Expertise. Um eine langfristige gesamtgesellschaftliche Sensibilisierung für die spezifischen Bedarfslagen der neuen Bundesländer zu erreichen, bedarf es einer organisierten Netzwerkbildung und Bündelung fachlicher Kompetenz in einem entsprechenden Gremium mit einer dazugehörigen Austauschplattform.

Personen mit Migrationshintergrund machen im Jahr 2018 in den östlichen Bundesländern nur acht Prozent der dortigen Bevölkerung aus. In der besonders relevanten Altersgruppe der unter 35-Jährigen betrug ihr Anteil insgesamt 15 Prozent. Die meisten von ihnen waren selbst zugewandert (neun Prozent), nur fünf Prozent waren bereits in Deutschland geboren (Statistisches Bundesamt 2019). In den westlichen Bundesländern und Berlin hingegen ist ein relevanter Anteil der unter 35-Jährigen der zweiten Generation zuzurechnen (23 Prozent), selbst zugewandert sind nur 16 Prozent der Altersgruppe.

Quelle: Statistisches Bundesamt 2019

So sieht es auch bereits die Studie von Rolf Reißig aus dem Jahr 2010 in ihrer Bilanz der spezifisch ostdeutschen Herausforderung wenn es heißt:

 

„Systematische Entwicklung der ostdeutschen Zukunftspotenziale heißt auch Stärkung der produktiven Formen der Kooperation und Vernetzung zwischen den kleinen und mittleren Unternehmen und zwischen diesen und den regionalen Forschungseinrichtungen, heißt Förderung einer Regionalentwicklung, in der die jeweils ganz unterschiedlichen Ansätze und Entwicklungspotenziale in den einzelnen Regionen (z. B. sozialökologische Neuindustrialisierung, ökologische Landwirtschaft, Kultur, Tourismus) zum Ausgangspunkt von Innovation und Entwicklung werden. In diesem Sinne ist die Zukunft des „Ostens“ heute vielleicht offener als zu Beginn des Systembruchs und der Transformation 1989/90. Jedoch ist die Rolle Ostdeutschlands, der neuen Bundesländer und Regionen in diesem Entwicklungsszenario nicht mehr von vornherein die des „Nachzüglers“ (nachholende Modernisierung), natürlich auch nicht die der „Avantgarde“ und des „Modells“ (gelungene postsozialistische Transformation). 

In dieser neuen Umbruchsituation stößt man in den ostdeutschen Räumen heute sowohl auf Nachholendes und Konservierendes wie auch auf Vorangehendes, Innovatives und Zukunftsfähiges. Ostdeutschland und seine Regionen suchen und finden angesichts desdoppelten Umbruchs erste Antworten auf die neuen Herausforderungen: z. B. bei der Gestaltung von qualitativem Wachstum bei gleichzeitiger Stagnation und Schrumpfung, beim Stadtumbau, bei der Energiewende, beim Umbau der Arbeitsgesellschaft und der neuen Verfasstheit der Erwerbsarbeit, bei der Nutzung des Sozialkapitals für nachhaltige Entwicklung, bei der Entwicklung und Gestaltung regionaler Räume durch Reorganisation-und Selbstorganisationsprozesse der Gesellschaft von unten. 

Chancen und Risiken liegendicht beieinander. Doch nur durch das Einschwenken auf diesen neuen Entwicklungspfadkann sich ein dauerhafter Erfolg für Ostdeutschland einstellen. Dabei gibt es angesichts der Komplexität und neuen Differenziertheit in und zwischen den Regionen und lokalen Räumen nicht mehr die eine „ostdeutsche“ Antwort auf die Vielfalt der spezifischen Lagen, Probleme und Herausforderungen. Auch deshalb haben die ostdeutschen Länder und viele ihrer Regionen inzwischen ihre eigenen spezifischen Leitbilder und Strategiekonzepte mit Blick auf das Jahr 2020 erarbeitet.“

Quelle: Rolf Reißig: Von der privilegierten und blockierten zur zukunftsorientierten Transformation. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. ApuZ 30-31/2010

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Impulse und Zielstellungen

einer projekt- und länderübergreifenden Kooperation in einem Fachverbund für die ostdeutschen Bundesländer

Um die fachliche Vernetzung im Bereich Interkulturelle Orientierung und Öffnung zu erhöhen und hierbei die Bedarfe der neuen Bundesländer gezielt in den Blick zu nehmen, haben sich im Jahr 2019 zwei Projekte mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Orientierung und Öffnung zusammen gefunden und im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung auf kontinuierliche, strategische und nachhaltige Formen der gegenseitigen fachlichen Unterstützung geeinigt: Das „Das Thüringer Zentrum für Interkulturelle Öffnung“ um Julia Brade, Nadine Keitel und Inès Maingault (Jena), und das IKOE-Projekt „Interkulturelle Orientierung und Öffnung. Koordinierungsstelle Integrationsmanagement in Sachsen-Anhalt“ das Projekt der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V. um Dr. Katja Michalak, Dr. Ernst Stöckmann und Katja Paulke (Magdeburg).

 

Wir fragten bei Dr. Katja Michalak nach den Impulsen für die länder- und projektübergreifende Kooperation im Bereich IKÖ und mit Bezug auf die ostdeutschen Bundesländer:

 

Dr. Katja Michalak: 

„Die Umsetzung von Chancengerechtigkeit auf interkultureller Wertebasis in öffentlichen Diensten und Organisationseinheiten erfordert eine höhere gesamtgesellschaftliche Verbindlichkeit und nachhaltige Strukturverankerung von IKÖ-Prozessen in der Praxis. Dies sollte entschlossener als bisher auf der Basis einer gezielten Berücksichtigung der besonderen institutionellen Ausgangsvoraussetzungen und Umsetzungsbedingungen in den neuen Bundesländern erfolgen.

 

Daher war es uns wichtig, länderübergreifend Kooperationspartner zu identifizieren und Formen der verstetigenden gegenseitigen Unterstützung zu schaffen. Unser Ziel ist die Gründung eines Fachverbundes mit Netzwerkfunktion und einer dazugehörigen Online-Austauschplattform. Der Fachverbund hat die Aufgabe,einschlägige Fachkompetenzen für den Bereich IKÖ mit spezifischer Berücksichtigung der Bedarfslagen der neuen Bundesländer zu bündeln und zu vernetzen. Gleichzeitig gilt es, den fachlichen Dialog mit den alten Bundesländern zu intensivieren. 

Dieser Verbund soll entsprechend fachliche, kommunikative und gesellschaftspolitische Funktionen erfüllen und öffentliche Ausstrahlungseffekte durch geeignete Medienarbeit zwischen öffentlichen Diensten und Einrichtungen, Wissenschaft, zivilgesellschaftlichen und politischen Akteuren organisieren und verstärken.“

Im Jahr 2010 gründete sich ein Netzwerk mit dem Namen „Dritte Generation Ostdeutschland“ und nahm dabei auch direkten Bezug zu dem Begriff der dritten Generation aus der Migrationsforschung (also den Enkel*innen der Migrant*innen). In dem programmatischen Buch der jungen akademisch gut gebildeten „Ostdeutschen“ ging es vor allem um das Empowerment dieser Gruppe. Die sozialwissenschaftliche Forschung zu den „Ostdeutschen“ dieser letzten Kohorte ist bisher noch unterentwickelt. Mit dem Sammelband „Die Generation der Wendekinder“ wurden 2016 erstmals Forschungsansätze zusammengefasst, die sich mit diesen „Ostdeutschen“ auseinandersetzen, die zwischen 1973 und 1984 in der DDR geboren wurden.

Quelle: Lettrari, Adriana, Christian Nestler, und Nadja Troi-Boeck (Hrsg.). 2016. Die Generation der Wendekinder. Elaboration eines Forschungsfeldes. Wiesbaden: Springer VS.

Gibt es erste Zwischenerfolge?

 

K.M.: „Das können wir schon heute mit einem entschiedenen „Ja“ beantworten. Die Kooperation mit dem Jenaer Zentrum für Interkulturelle Öffnung hat uns bisher zum einen zu gemeinsamen Veranstaltungen im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit für die IKÖ-Thematik geführt. Die beiden überregionalen Medienworkshops zu diesem Themenfeld in Erfurt 2019 und in Naumburg 2020 haben uns den hohen Bedarf der Kolleginnen und Kollegen aus vielen ostdeutschen Bundesländern gezeigt, stärker zusammenzuarbeiten und ein fachliches Netzwerk aufzubauen. Dafür haben wir den Arbeitstitel „Fachverbund IKÖ“ mit Bezug auf die ostdeutschen bzw. mitteldeutschen Länder etabliert und arbeiten derzeit mit Hochdruck am Aufbau dieser länder- und projektübergreifenden Initiative.“ 

 

Und wie sehen die weiteren Zielstellung aus?

 

K.M.: „Wir möchten den Fachverbund IKÖ als eine fachliche Austauschplattform langfristig in Mitteldeutschland etablieren und zu einem schlagkräftigen Fachinstrument bzw. Gremium, auch mit Beratungsfunktion für Landkreise und Kommunen, ausbauen. Wir sehen den Mehrwert dieser gemeinsamen Initiativanstrengung in der Konsolidierung unserer Fachlichkeit aber auch in der Standardisierung dessen, was wir als interkulturelle Öffnung und deren Verbindlichkeit vor allem in Behörden und Institutionen, allen voran Verwaltungen, Bildungseinrichtungen u.a. betrifft. 

 

Darüber hinaus werden unsere gemeinsamen Aktivitäten im Verbunds darauf zielen, zur öffentlichkeitswirksamen Sensibilisierung der spezifischen Bedarfslagen für IKÖ in den neuen Ländern beizutragen, die Relevanz, Verbindlichkeit und den Mehrwerts von IKÖ als sozio-politischer Querschnittsaufgabe gegenüber maßgeblichen Zielgruppen (Organisationseinheiten zwischen Verwaltungen, KMU und Trägern, politische Multiplikatoren, führende Stakeholder u.a.) zu vermitteln. Und wir arbeiten daran, den koordinierten länderübergreifenden fachlichen Austausch, Erfahrungstransfer und die kollegiale Ressourcennutzung im Bereich von IKÖ mit dem Schwerpunkt neue Länder zu verstetigen und mit möglichst allen in dem Handlungsfeld tätigen Kolleginnen und Kollegen sämtlicher neuen Bundesländer auszubauen. Dazu gehört selbstverständlich auch die Institutionalisierung des Fachverbunds als öffentlich zugängliches Fachgremium mit Beratungsfunktion und als Hospitationsnetzwerk. Und nicht zuletzt wollen wir erfolgreiche methodische Instrumentarien und gute Beispielen zur Umsetzung von IKÖ öffentlichkeitswirksam sichtbar machen, um den gesellschaftlichen Mehrwert offensiver und strategisch abgestimmter IKÖ-Prozesse im gesamtdeutschen und europäischen Vergleich zu kommunizieren.“

Ab ungefähr 2008 war der Höhepunkt der Abwanderungswelle überschritten. Es gibt Beobachter der Entwicklung, die für 2017 eine "Trendumkehr" diagnostizieren (Zeit 2019). In dem Gutachten des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH 2019, S. 13ff.) zur Situation "drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall" wird ebenfalls davon ausgegangen, dass es inzwischen zu einem Stillstand bei der "Nettowanderung" gekommen sei, doch für die ostdeutsche Wirtschaft zeichnen sich neue Probleme ab: Eine Überalterung der Gesellschaft (mit großen regionalen Unterschieden), ein Fachkräftemangel und ein mangelnder Zuzug vor allem hochqualifizierter EU-Zuwanderer, die lieber in den Westen oder nach Berlin zögen. 

Durch Wanderungsverluste haben die ostdeutschen Bundesländer im deutschen Einigungsprozess rund 1,7 Mio. Bürger verloren (die Zahl ergibt als Summe der Wanderungssalden 1989-2017). Andere Schätzungen liegen bei 1,3 Mio. oder 1,9 Mio. (Zeit 2019). 

Aus sozialwissenschaftlicher Sicht kann die Ost-West-Wanderung als "Indikator für den Stand der deutschen Vereinigung" angesehen werden (Schubarth/Speck 2009, S. 256). Wenn die Arbeitsmarktunterschiede als "Motor" der Wanderungsprozesse in Rechnung gestellt werden, lautet das Fazit in den Worten des Wirtschaftshistorikers Jörg Roesler (2005): "Bis 1961 funktionierte der gesamtdeutsche Arbeitsmarkt noch, seit 1990 funktioniert er wieder – beide Male zuungunsten des Ostens."

Quelle: Bernd Martens: Der Zug nach Westen – Jahrzehntelange Abwanderung, die allmählich nachlässt. Bundeszentrale für politische Bildung 2020.

Welche konkreten Ziele sind schon mit dem Thüringer Zentrum abgestimmt? 

 

KM: „Mit den Kolleginnen Julia Brade und Nadine Keitel vom Thüringer IKÖ-Zentrum haben wir uns bisher im Rahmen eines Positionspapiers zum Fachverbund-Projekt schon auf folgende Punkte der konkreten und möglichst kurzfristigen Umsetzung gemeinsam geeinigt:

 

  • Der Fachverbund soll sich zusammensetzen aus einem Kernverbund, bestehend aus Trägern und Projekten, die sich dem Positionspapier verpflichten. Darüber hinaus gibt es einen erweiterten Arbeitskreis verschiedener ostdeutscher Akteure aus dem Bereich IKÖ, der sich je nach Themenschwerpunkten und Ressourcen neu formieren kann. Es soll eine Präambel des Verbunds und ein verbindliches Arbeitsformat mit Aufgabenteilung verabschiedet werden. Turnusmäßig Kooperationstreffen der Partner sind zu vereinbaren. Bezüglich Organisation und Verantwortung vor Ort (Einzelveranstaltungen) gilt das Rotationsprinzip unter jenen Projekten, die die Möglichkeit dazu haben.
  • Eine fachliche Austauschplattform wollen wir als länderübergreifende, möglichst trägerneutrale Online-Plattform einrichten, um die paritätische Beteiligung aller Partner des Verbunds zu ermöglichen.
  • Die Austauschplattform soll sich möglichst mit einer eigenen Online-Präsenz (Webseite) präsentieren, die unter paritätischer Beteiligung der Projektpartner redigiert wird.

Natürlich – manches klingt noch wie Zukunftsmusik, bei all den noch offenen Fragen der Abstimmung und konkreten Arbeitsorganisation. Aber wir wissen, dass wir mit den Kolleginnen aus Jena verlässliche Kooperationspartnerinnen haben, und das macht die Arbeit leichter – und die Ziele realistischer.“

 

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Interview

IKÖ in Thüringen: Herausforderungen, Ziele und Engagementhorizont des Thüringer Zentrums für Interkulturelle Öffnung in Jena.

Diversity Journal sprach mit den beiden Projektmitarbeiterinnen Julia Brade und Nadine Keitel über ihre Arbeit an diversitätsorientierter interkultureller Öffnung in Thüringen und – in der Kooperation mit dem AGSA-Projekt IKOE auch darüber hinaus:

1. „IKOE“ – Wofür steht dieses Akronym und wie würdet Ihr es jemandem, der damit zunächst nichts anfangen kann, erläutern?

Am besten lässt sich ein interkultureller Öffnungsprozess meist anhand von Beispielen erklären. Das Beispiel wählen wir je nach Situation und Funktion des Gegenübers aus: 

Generell macht ein Öffnungsprozess dann Sinn, wenn sich eine Organisation mit einer Veränderung oder einem Problem konfrontiert sieht und sich fragt, wie sie damit umgehen kann; z.B. wie eine Behörde oder ein Unternehmen Mitarbeitende mit Migrationsbiographie so einarbeiten kann, dass sowohl die neu Ankommenden sich wohlfühlen (und langfristig bleiben!), als auch die „Stammbelegschaft“ sich gut informiert und in den Veränderungsprozess einbezogen fühlen. 

In Thüringen haben wir es oft auch mit dieser Art von Bedarfen zu tun: der Wunsch einer Mitarbeiterin eines Landratsamtes, dass Kolleginnen und Kollegen keine abfälligen Kommentare mehr über dort Unterstützung suchende Menschen mit Fluchthintergrund machen. Hier geht es um Einstellungsänderung, ein Bereich der Personalentwicklung. Nur Personalentwicklungsmaßnahmen wäre aber zu kurz gegriffen. Es geht immer auch um strukturelle Veränderungen in der Organisation.

2. Interkulturelle Orientierung und Öffnung sind in den letzten Jahren zu Leitbegriffen geworden, wenn es um konkrete Beschreibungen für Willkommenskultur oder sogenannte Vielfaltskulturen geht. Was unterscheidet die einzelnen Begrifflichkeiten voneinander?

Das besondere an Interkultureller Öffnung ist ja die systemische Betrachtung der Probleme. Das heißt, es werden nicht nur konkrete einzelne Probleme kurzfristig gelöst, sondern wirklich allumfassend betrachtet. Strukturen und Einstellungen sind oft festgefahren und lassen sich nur mit viel Geduld und einer vorgelebten wertschätzenden Kommunikationskultur allmählich verändern; und zwar so, dass am Ende sowohl die Mitarbeitenden als auch die Kunden und Nutzerinnen eine positive Veränderung spüren. Denn sobald sich innerhalb der Organisation die Arbeitsatmosphäre verbessert, entsteht auch nach außen, dem Kunden oder der Nutzerin gegenüber, eine so genannte Willkommens- oder Anerkennungskultur. 

3. Wo seht Ihr gegenwärtig die Hauptbaustellen für IKOE?

Die Hauptvoraussetzung um interkulturelle Öffnungsprozesse zu begleiten, ist der klare Wille der Leitungsebene, einen Öffnungsprozess durchzuführen. Das bedeutet, dass die Geschäftsführung und andere Führungskräfte in der Organisation nicht nur dahinterstehen müssen, sondern auch offen sind, ggf. Strukturen zu verändern, ggf. auch an ihren eigenen Strukturen und Handlungsweisen etwas zu verändern. Viele denken: meine Mitarbeiter sollen sich öffnen. Ich selbst brauche nichts zu tun. Das geht schief. Wenn Mitarbeitende spüren, dass der Chef Offenheit fordert, aber selbst nur seine eigene Perspektive gelten lässt, hat das Projekt keine Chance. Eine weitere „Baustelle“ ist, dass viele Verwaltungseinrichtungen den Bereich der interkulturellen oder diversitätsorientierten Personalentwicklung bisher nicht als ihre Aufgabe sehen, da es bisher einfach nie gefordert wurde. Da der Druck durch immer rascher kommende Veränderungen (Fachkräftemangel, Gesetzesänderungen, Zusammensetzung der Kundschaft, Anpassungen von Services …) immer größer wird, wird die Notwendigkeit mehr und mehr gespürt, hoffentlich zukünftig auch mehr und mehr gehandelt.

Nachdem offensichtlich geworden ist, dass Ostdeutschland nicht mehr werden kann, wie Westdeutschland früher war, bedarf es eines Perspektivenwechsels und zu seiner Voraussetzung einer Diskurswende. Denn die Fortsetzung des Aufholjagd- und Angleichungsszenarios, das nie das anvisierte Ziel zukunftsfähiger Entwicklung erreicht, lähmt die Kräfte und führt zu Resignation und Depression ebenso wie auf der anderen Seite das Niedergangsszenario, das den Osten abschreibt und ihn als deutsches Mezzogiorno sieht. „Ostdeutschland“ und „Zukunft“ sind auf neue Art zusammen zu denken und zusammen zuführen. Die neue Leitfrage ist, wie Ostdeutschland und seine Regionen sich dem „doppelten Umbruch“ (Folgen der postsozialistischen Transformation und Herausforderungen despostmodernen Umbruchszenarios) stellen und Wege zu einem zukunftsfähigen, d. h. sozial und ökologisch geprägten Entwicklungspfad und -modell finden. Maßstab und Messlatte sind dann nicht mehr so sehr „Auf- und Einholen“, nicht mehr primär die gängigen quantitativen Ost-West-Vergleiche, sondern sind „Selbsttragender, dynamischer Entwicklungs- und Zukunftspfad“, sind „Modernität“ und „Modernisierung“, „Innovation“, „Entwicklungs- und Zukunftspotenziale“, „Handlungs- und Teilhabechancen“. 

Dabei müssen die ostdeutschen Regionen vor allem die eigenen Ressourcen und Zukunftspotenziale mobilisieren, ihre Stärken stärken und ihr spezifisches Profil im Europa der Regionen finden. Hier besitzt Ostdeutschland, besitzen die neuen Bundesländer durchaus einige Standortvorteile. So sind die ostdeutschen Länder heute führend bei der Stromerzeugung aus regenerativen Energien. Sie könnten bei der weltweit erforderlichen Energiewende eine wichtige Rolle spielen und –gestützt auf ein Netz kleinerer und mittlerer Unternehmen – neue Lösungen gerade auch von „unten“ einbringen. Damit ließen sich neue Märkte erschließen, statt den gesättigten(vergeblich) hinterher zu laufen. So könnte eine endogene Innovation, eine Selbst-Transformation in Gang gesetzt werden.

Quelle: Rolf Reißig: Von der privilegierten und blockierten zur zukunftsorientierten Transformation. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. ApuZ 30-31/2010

Das ist eine der organisationsinternen Baustellen. Was es außerdem so komplex macht: Die Organisation steht ja nicht isoliert da. Das heißt, ich kann zwar intern viel für zu einer Willkommenskultur beitragen. Ich habe aber als kleines oder mittelständisches Unternehmen wenig Einfluss darauf, dass im Nachbarbundesland höhere Löhne gezahlt werden. Oder dass das gesellschaftliche Klima in meiner Region von Rassismus geprägt ist. Da ist klar die Landes- und Bundespolitik gefragt.

4. Beschreibt bitte einmal kurz und knapp, worum es in Euren IKOE-Projekten geht.

Für unseren Auftraggeber, den Freistaat Thüringen, stehen 2 Aufgaben im Vordergrund: zum einen die Notwendigkeit, die unübersichtliche Vielfalt an Angeboten im Bereich IKÖ, Integration und Interkulturelle Kompetenzentwicklung zu erfassen, sichtbar und den Organisationen zugänglich zu machen. Die zweite Hauptaufgabe ist das Voranbringen von interkulturellen Öffnungsmaßnahmen in den öffentlichen Verwaltungseinrichtungen in Thüringen; und das eben nicht nur in den großen Städten, wo es sowieso schon viele Angebote gibt. 

5. Wo seht Ihr die gesellschaftliche Bedeutung von IKOE, wie Ihr es in Euren Projekten betreibt?

Ergebnisse von IKÖ sind ja z.B., dass Führungskräfte und Mitarbeitende kultursensibel und wertschätzend sowohl miteinander als auch mit Kundinnen und Nutzern umgehen. Von vielen Seminarteilnehmenden hören wir danach, dass sie die spannenden Fragen und Erkenntnisse, die sich in den Seminaren auftaten, danach mit ihren Verwandten oder Freunden geteilt haben bzw. die Fragen weiter arbeiteten. Das heißt, dass die Seminarinhalte in den allermeisten Fällen auch in die Gesellschaft hineinwirken. Wichtig ist hier, dass es nicht bei einzelnen Seminaren bleibt, sondern immer noch mal nachgefasst werden sollte.

IK offene Haltungen am Arbeitsplatz übertragen sich auch auf das private Handeln und leben und verändern somit die Gesellschaft. 

6. Was macht den Reiz oder die Notwendigkeit aus, IKOE über den Tellerrand einer länderbezogenen Projektarbeit hinaus zu denken?

Vernetzung und Austausch sind immer bereichernd. Soviel zum „Reiz“. Notwendig ist es, weil wir es mit keinem einfachen Thema zu tun haben. Die Wirkkraft ist beim skeptischen Gegenüber dann groß, wenn es überzeugende Beispiele aus der Praxis gibt, im Sinne von „Schaut mal, dort läuft es sehr gut. Was können wir uns in Thüringen bzw. in unserer Einrichtung von denen abgucken. <

7. Gibt es eine IKOE-Spezifik für die neuen Bundesländer und wie seht Ihr Euch im Ost-West-Vergleich aufgestellt?

Die neuen Bundesländer vereint alle, dass sie relativ großen Einfluss von rechts außen sowohl in Parlamenten als auch in der Zivilgesellschaft haben. Weiterhin haben die ostdeutschen Bundesländer andere und zum Teil auch weniger Erfahrungen mit Migration gesammelt. 

Transformation und Einheit sind heute – auf der Grundlage der erreichten Ergebnisse und gewonnenen Erfahrungen – zugleich neu zu denken und zu gestalten. D. h. unter anderem:

• Von der einseitigen Angleichungsperspektive Ost an West zur gemeinsamen Gestaltungeines zukunftsfähigen, neuen Deutschlands unter Nutzung der Stärken, Erfahrungen und Zukunftspotenziale des „alten Westens“ wie der für die Zukunft relevanten spezifischen ostdeutschen Erfahrungen und Potenziale der letzten Jahrzehnte; 

• „Zusammenwachsen durch Zusammen(Ost-West-gemeinsam)Wachsen“;

• Akzeptanz der Einheit auch in ihrer sozial-strukturellen und regionalen Differenziertheit sowie sozio-kulturellen Verschiedenheit, die das vereinte Deutschland immer weniger trennt, sondern auf neue Weise zugleich verbindet.

Quelle: Rolf Reißig: Von der privilegierten und blockierten zur zukunftsorientierten Transformation. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. ApuZ 30-31/2010

Vor diesem Hintergrund stehen die ost- und westdeutschen Bundesländer einfach an anderen Punkten. Was eben auch andere Herangehensweisen und Maßnahmen erfordert. Viel zu tun in puncto interkultureller Öffnung gibt es in allen Bundesländern. Und natürlich könnten wir personell noch besser aufgestellt sein, um die Thematik thüringenweit noch mehr zu befördern.

8. Welche konkreten Ziele verfolgt Ihr in der länderübergreifenden Zusammenarbeit?

Gemeinsam mehr schaffen nach diesem Motto erhoffen wir uns von einer länderübergreifenden Zusammenarbeit mehr Schlagkraft, um unser gemeinsames Thema zu platzieren und das in Gesellschaft und Politik. Hierbei geht es darum Interkulturelle Öffnung als notwendig aber auch als real machbar abzubilden. Eine Idealvorstellung wäre IKÖ in allen Landesprogrammen als festen Bestanteil zu verankern. Daran zu arbeiten mit Kolleg*innen und Fachstellen aller ostdeutschen Länder kann uns diesem Ziel näher bringen. 

9. Wenn Ihr eine Vision formulieren solltet: Wo sollte IKOE 2025 stehen?

2025 ist es ganz selbstverständlich für Führungskräfte, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und IKÖ umzusetzen. Außerdem wünschen wir uns, dass ein Verständnis von IKÖ entsteht, das weg von der Vorstellung geht „IKÖ ist was für Ausländer, für Flüchtlinge, etc.“, sondern in Richtung: für alle.

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Imprint

 

Konzeption & Text: Team IKOE

Gestaltung, Umsetzung & Programmierung: Oliver Bunke, Oligoform GBR

Erscheinungsdatum: 2020

Seriennummer: Diversity JournalIKOE 2020/3

ViSdP: Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e. V.: Netzwerk Interkulturelle Orientierung / Öffnung – Fortbildungs- und Beratungsservice für Verwaltungen

Sämtliche Rechte an Text, Bild & Gestaltung liegen bei der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e. V.: Netzwerk Interkulturelle Orientierung / Öffnung – Fortbildungs- und Beratungsservice für Verwaltungen, Servicestelle IKOE

Bildrechte (wenn nicht anders angegeben): Team IKOE