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Diversity Journal IKOE II/1

Inhaltsverzeichnis

 

Jeder Tag ist komplett anders.“

Schwerpunkte und Herausforderungen der Koordinierungsstellen für Integration in Sachsen-Anhalt. Die Beispiele Altmarkkreis Salzwedel und Landkreis Stendal

 

Sachsen-Anhalt ist im Bereich der Unterstützung von Integration vergleichsweise sehr gut ausgestattet. Die im Jahr 2008 in Kraft getretene Richtlinie des Ministeriums des Inneren zur Stärkung der kommunalen Integrationsarbeit erlaubte es, in allen elf Landkreisen und drei kreisfreien Städten Koordinierungsstellen für Integration bzw. Migration zu etablieren, im Zuge der gewachsenen Migrationsdynamik in der Regel in doppelter Besetzung.

Das Ziel der Koordinierungsstellen in Sachsen-Anhalt bestand und besteht in der Förderung der Zielfestschreibungen des Nationalen Integrationsplans (2008), wonach Integration „als gesamtkommunale und ressortübergreifende Aufgabe in der Kommunalpolitik verankert“ werden müsse. Unter Einbeziehung von Migrantenvertretungen wurde der Verwaltung eine Schlüsselrolle zugesprochen für den Ausbau des interkulturellen Integrations- und Öffnungsprozesses bis in die Regelversorgung hinein. Die Einrichtung einer Stelle für die Integrationskoordination war Teil der Beschlussfassung des Integrationsplans, so wie die zunehmende Ausdifferenzierung des Aufgabenspektrums und Stellenprofils eine folgerichtige Entwicklung darstellt.

Im elften Jahr des Bestehens von Koordinierungsstellen für die Integration bzw. Migration spiegelt das Bundesland Sachsen-Anhalt anschaulich die vielfältigen Entwicklungsfacetten im Bereich der Integrationsarbeit exemplarisch wider. Und viel ist seitdem geschehen, nicht nur in Folge der gestiegenen Zuwanderungsdynamik seit 2015.

Diversity Journal hat bei zwei Koordinierungsstellen für Integration im Land nachgefragt, um die Dynamik der Veränderungen wie die gleichbleibenden Herausforderungen in diesem Bereich der Integrationsarbeit beispielhaften unter die Lupe zu nehmen. Im nachfolgenden Zusammenschnitt zweier Interviews stehen Inka Ludwig für den Altmarkkreis Salzwedel und Jakob Wernike für den Landkreis Stendal Rede und Antwort.

 

Interview

Diversity Journal: Frau Ludwig und Herr Wernike, beschreiben Sie uns doch bitte einmal Ihr Aufgabenspektrum vor Ort und mit Blick auf das Aufgabenprofil, das Ihnen die Integrations-Richtlinie Sachsen-Anhalt vorgibt.

inka Ludwig

Inka Ludwig: Das Aufgabenspektrum der Integrationskoordination ist breit gefächert und beinhaltet alle anfallenden Aufgaben im Bereich Integration. Als Integrationskoordinatorin bin ich Ansprechpartnerin der Kommune zum Thema Integration im Altmarkkreis Salzwedel, sei es von internen und externen Ämtern auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene, Vereinen, Institutionen, Ehrenamtlichen, interessierten Bürgern oder Zugewanderten selbst. Dabei läuft es meist auf eine Verweisberatung hinaus. Das heißt der Koordinator hat eine Mittlerfunktion zwischen der Verwaltung und meist externen Partnern inne.

Das aufgebaute Integrationsnetzwerk, das mittlerweile ca. 50 Institutionen umfasst, benötigt ebenfalls Pflege. So werden regelmäßig Netzwerktreffen durch die Koordinierungsstelle veranstaltet sowie auch Arbeitskreise in kleineren Gruppen zu bestimmten Themen. Der Austausch zwischen den Netzwerkpartnern ist besonders wichtig, um Verbindungen zu schaffen und den Zusammenhalt zu fördern.

Auch die Betreuung der sogenannten Integrationslotsen, also der Ehrenamtlichen in der Integrationsarbeit, liegt in den Händen der Koordinierungsstelle. Dabei geht es um die Betreuung unter anderem durch Austauschtreffen, Weiterbildungsveranstaltungen oder wenn gewünscht Einzelgespräche zu speziellen Problemlagen. Bis Ende dieses Jahres betreue ich als Koordinierungsstelle außerdem eine Bundesfreiwilligendienstleistende mit Flüchtlingsbezug, die aktuell an einer Schule in Salzwedel eingesetzt ist und die Schulsozialarbeit bei der Integration von Zugewanderten unterstützt.

Ein großes Themenfeld ist auch die Organisation von öffentlichen Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen im Bereich Integration und Zuwanderung, um die Bevölkerung mit in den Integrationsprozess einzubinden. Eine jährlich stattfindende Größe ist die Interkulturelle Woche, die durch die Koordinierungsstelle gemeinsam mit den Veranstaltern organisiert wird.

Für die beschriebenen Aufgaben werden Fördermittel verschiedener Quellen (Bund, Land etc.) von der Integrationskoordination akquiriert, betreut und anschließend auch abgerechnet. Vereine oder Institutionen werden bei Ihrer Beantragung von Fördermitteln beraten und aktiv unterstützt.    

Jakob Wernike: Im Prinzip ist die Situation bei uns im Landkreis Stendal vergleichbar, das Aufgabenspektrum des Integrationskoordinators erscheint einem manchmal fast unübersichtlich groß. Die Kernbestandteile sind in der sogenannten Integrations-Richtlinien festgelegt, dazu gehören unter anderem die Steuerung der Integrationsmaßnahmen vor Ort, Netzwerkbetreuung, das Kümmern ums Ehrenamt, aber auch solche Dinge wie Öffentlichkeitsarbeit. Das ist aber längst nicht alles, denn dann kommen hier ähnlich wie bei meiner Kollegin Stella Khalafyan eben die ortspezifischen Aufgaben noch dazu, die lokalen Veranstaltungs- und Netzwerkformate beispielsweise, das Beraten zu Fördermöglichkeiten für Vereine und und und. Da gibt es viele Aufgaben, die uns vom Richtlinien-Text her nicht primär beeinflussen, aber woraus sich ein Mehraufwand ergibt, um im ländlichen Raum was zu bewegen. Und das ist hier zentral, denn unsere Aktivitäten als Koordinatoren sind in der Fläche gestreut, das erfordert schon einigen Vernetzungsaufwand, Hinterhersein, Organisationskräfte.

Dann leisten wir Zuarbeiten für Reden, pflegen die themenbezogene Arbeit für Kreistagsausschüsse, wirken mit, wenn es um das Thema Umstrukturierung geht. Und wie gesagt, die Netzwerkarbeit nimmt einen großen Teil ein, denn wir betreuen nicht nur unser Netzwerk, sondern bringen das Thema Integration auch in andere Netzwerke ein. So sind wir zum Beispiel im Netzwerk Partnerschaft für Demokratie, im Bündnis für Familie, im Respekt-Netzwerk der Hochschule, einem Netzwerk gegen Diskriminierung. Und so kommt es, dass wir für alle Leute aus der Kreisverwaltung der erste Ansprechpartner sind für das Thema Integration, und ebenso auch für alle Externen, und so ist es richtig. Diese inhaltlichen Aufgaben können wir übrigens nur deshalb so gut stemmen, weil wir hier Haushaltsachbearbeiter haben. Diese Unterstützung ist äußerst hilfreich, zum Beispiel auch bei Antragstellungen aller Art.

 

DJ: Können Sie uns beispielhaft einen typischen Arbeitstag skizzieren?

Jakob Wernike Integrationskoordinator im Landkreis Stendal (seit 2018) Integrationskoordinator im Altmarkkreis Salzwedel (2016–2018) ©Johanna Michelis/LK Stendal

JW (lacht): Den gibt es nicht, jeder Tag ist komplett anders. Es kann sein, dass morgens das Telefon klingelt und die Polizei um Unterstützung bittet bei Vorfällen, wo eine fachliche Unterstützung erforderlich ist, um sich ein Bild zu Handlungsoptionen zu machen. Es gibt Tage, wo wir eingeladen sind in Schulen, die uns einladen im Bereich Ethik oder Geschichte oder Sozialarbeit, wo wir zum Gespräch kommen zum Thema Migration und Integration mit Schülerinnen und Schülern und wo wir uns als Ansprechpartner sehen. Dann gibt es scheinbar ganz routinehafte Büroarbeitstage, es gibt Weiterbildungstage, und am Ende des Tages geht es um die Frage, ob man ein glückliches Händchen hatte für die Vielfalt der Aufgaben, oder ob man mental doch noch etwas mit nach Hause nehmen muss, was allerdings nicht die günstigste Option ist.

IL: Da wie eben beschrieben unser Aufgabenfeld sehr breit gefächert ist, fallen fast täglich neue und unterschiedliche Aufgaben an, so dass kein klarer Arbeitstag skizzierbar ist. Die täglichen Aufgaben der Koordinierungsstelle sind sehr vom äußeren Input abhängig. Das heißt, wenn Problemfelder, Anfragen, Neuerungen, Gesprächsbedarfe auftauchen, die sofortiger Klärung bedürfen, werden diese den organisatorischen Bereichen vorgezogen.

 

DJ: Der Kern der Aufgaben Ihres Arbeitsfelds betrifft die Steuerung, die strukturelle Ermöglichung von Integration, die Rollen des Integrationskoordinators sind vielfältig, weisen viele Schnittstellen zu anderen Bereichen auf. Was geschieht, wenn Sie bemerken, dass bestimmte Strukturen sich für Einzelfälle nicht zuständig fühlen, hat ein Koordinator Spielraum, hier trotzdem für guten Erfolg zu sorgen?

Logo „Integration im Altmarkkreis Salzwedel“ ©Altmarkkreis Salzwedel

IL: Die Koordinierungsstelle ist im Altmarkkreis Salzwedel der Stabstelle Kultur zugeordnet und direkt der Dezernentin unterstellt, die ebenfalls für das Schul- und Sozialamt, sowie Jugendamt zuständig ist. In diesen Bereichen ist der Austausch sehr effektiv und eng. Meist werden Probleme auf kurzem Wege geklärt. Auch die Zusammenarbeit mit den Bereichen außerhalb des Dezernates, wie die Ausländerbehörde oder das Jobcenter, ist durch die Jahre enger geworden, so dass in der Regel durch kurze Wege eine Klärung erfolgt. Sollten tatsächlich Situationen entstehen, in denen auf Ebene der Sacharbeiter keine Lösung gefunden werden kann, muss die Dezernentin sich des Sachverhalts annehmen und vermitteln.

JW: Vermitteln, sich engagiert in Prozesse hineinbegeben ist eine Hauptaufgabe. Beispielsweise wenn sich die Dachverbände der Wirtschaft zurückziehen, dann gehen wir direkt auf die Unternehmen zu. Das ist nicht Teil der Richtlinie, geht aber nicht anders. Haben wir dann ein Unternehmen gewonnen, haben wir einen Riesenmultiplikator in der Wirtschaft. Das sind Einzelfälle und unsre Spielräume sind begrenzt, aber wir sehen uns hier in der Verantwortung. Hier im ländlichen Raum ist eben die persönliche Komponente, der direkte Draht wichtig, und da kommt es auf diese Vermittlungsarbeit an, das Brückenbauen auch in sperrigem Gelände. Der Spielraum hängt im Wesentlichen ab von der Verwaltung, und zum Glück haben wir in diesen Belangen freie Hand und einen guten Draht zum Landrat, das ist unser Standortvorteil hier, keine Frage. Daher können wir an Stellschrauben drehen. Strukturell was zu ändern ist natürlich der Weg über den Landrat, da muss man dann an einem Strang ziehen, der über das Netzwerk hinausgeht. Fakt ist: Durch die Querschnittsaufaufgabe haben wir eine Vielzahl von Berührungspunkten mit allen Sachgebieten und können eben auch ämterübergreifend arbeiten.

 

DJ: Sie sind beide schon mehrjährig in diesem Amt, haben teilweise den Wirkungsort auf dieser Stelle gewechselt. Können Sie uns Ihre Wahrnehmung zur Entwicklung der Arbeit in diesem Zeitraum beschreiben, gab es Schwerpunktverlagerungen oder Umstellungen von Arbeitsbereichen?

JW: Wenn wir auf 2016 blicken, da waren definitiv immer noch die Nachwehen der Flüchtlingszuwachses zu spüren, von Integration konnte auf Arbeitsebene noch keine Rede sein. Händeringend wurde nach Kapazitäten gesucht, vor allem im Bereich der dezentralen Unterbringung. 10-20 Personen einzugliedern ist kein Problem, aber bei Ballungen wird das sofort problematisch. Dann hat es sich in der Folge aber gut entwickelt, die verbesserte Klärung des Status der Betreffenden beim BAMF, die schnellere Erteilung der Aufenthaltstitel, das Thema Unterbringung war dann bald Geschichte, wir merkten die absinkenden Zahlen in den Zuweisungen und die steigende Personenzahl bei denen mit Bleibeperspektive. Dann bekamen die Syrer und Afghanen ihre Titel, dann ging es vor allem um das Vorhalten der Sprachkurse, des Spracherwerbs, kontinuierlich und ohne Überschreitung der Wartefrist von 6 Wochen. Damit das klappt, hatten alle Sprachkursträger, Jobcenter und der Landkreis eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, sich an einen Tisch gesetzt und die Kursverteilung nach Kapazitäten der Träger beschlossen, sowas hilft natürlich bei der Integrationsarbeit.

Dann die nächste Schwierigkeit: Die Integration in Ausbildung und Arbeit. Obwohl uns der Mangel an Azubis in die Karten gespielt hat, war es unwahrscheinlich schwierig, Unternehmen zur Aufnahme von Geflüchteten zu bewegen. Mit dem Programm EQ bzw. EQ++ waren wir unterwegs auf Werbungstour, das wurde gut angenommen, über 50 Prozent der Unternehmen haben ihre Teilnehmer übernommen für eine Ausbildung. Heute haben sich viele Abläufe verstetigt und verselbständigt, läuft vieles selbst, z.B. im Bereich Kursplanung, die Nutzung der Instrumente der Prozessketten im Bereich Arbeitsmarktintegration. Andere Dinge sind nicht mehr so akut, Unterbringungsfragen z.B., die keiner aufwendigen Betreuungsstruktur mehr bedürfen. Dafür haben wir einen Aufwuchs an den GBB-Stellen. Also das ist ein dynamisches Feld.

Letztlich muss man allerdings sagen: Es gibt ganz wenige, die sich selbständig auf den Weg machen, strukturiert durchhangeln. Die meisten bedürfen der Betreuung, Begleitung in den vielfältigen und wechselnden Herausforderungen. Die Leute, die sich alleine durch den bürokratischen Dschungel durchfinden in Deutschland, die können wir an der Hand abzählen.

IL: Ich bin seit März 2016 als Integrationskoordinatorin im Altmarkkreis Salzwedel tätig. Vor dem Beginn meiner Tätigkeit war die Koordinierungsstelle fast ein halbes Jahr nicht besetzt. Dem bereits bestehenden Netzwerk fehlte somit ein alltäglicher Ansprechpartner, was dazu führte, dass Organisationsstrukturen parallel aufgebaut wurden, um spontan Hilfe für die ankommenden Zugewanderten leisten zu können. Somit war der erste Aufgabenbereich für mich das Netzwerk sowie neu entstandene Unterstützungsstrukturen zu erschließen, wieder zusammenzuführen und zu bündeln. Zu Beginn meiner Tätigkeit waren einige Akteure auf Grund der wechselnden Besetzung skeptisch, unsicher und frustriert, weshalb Sie sich nur zögerlich und nach Überzeugungsarbeit dem Netzwerk anschlossen. Dies unterstreicht wie wichtig beständige Strukturen bei der Netzwerkarbeit sind.

Der zweite Aufgabenbereich 2016 bestand aus der Organisation von Lebensgrundlagen für Zugewanderte in Deutschland. So mussten beispielsweise die Integrationslotsen bei ihrer Tätigkeit unterstützt, Sprachangebote für Personen ohne Zugang zum Integrationskurs organisiert, Schulanmeldungen eingeleitet und Wohnungseinrichtung besorgt werden.  

Im Sommer 2016 stieß Herr Wernike zur Koordinierungsstelle im Altmarkkreis Salzwedel. Durch die doppelte Besetzung war es ab diesem Zeitraum möglich, nicht nur auf Problemlagen zu reagieren, sondern vorausschauend Integrationsmaßnahmen zu organisieren.

Heute liegt im Vergleich zum Jahr 2016, das von der Organisation der Grundversorgung geprägt war, der Schwerpunkt auf der Integration in das soziale Umfeld. Die meisten Zugewanderten konnten sich mittlerweile einen Grundwortschatz aneignen. Somit liegen die Aufgaben in der Organisation von weiterführenden Deutschkursen, Berufsvorbereitenden Maßnahmen, Freizeitgestaltung oder Veranstaltungen zur Information bzw. zum Austausch mit der einheimischen Bevölkerung.

 

DJ: Wie steht es mit dem Thema Europa? Nach wie vor sind die zahlenmäßig stärksten Zuwanderungsgruppen die auf Basis der EU-Freizügigkeitsregelung in Sachsen-Anhalt Kommenden, die in der Regel nur als sogenannte mobile Beschäftigte wahrgenommen werden, nicht als dauerhaft bleibende Bürger mit entsprechendem Anspruch auf komplexe Integrationsangebote, zu denen auch ausreichende Informationen gehören. Gibt es für die EU-Migranten aus Ihrer Sicht ausreichende Angebote und Informationen zu beispielsweise Arbeitnehmerrechten, zu Weiterbildungsmöglichkeiten, zu Perspektiven der langfristigen sozialen Integration?

JW: Die EU-Zuwanderer sind generell auch unsere Zielgruppe, im Vergleich zum Altmarkkreis hat Stendal allerdings wesentlich weniger EU-Migranten. 600 EU-Bürger etwa haben wir aktuell in Stendal, im Altmarkkreis sind es doppelt so viele, hier gibt es einen großen polnischen Arbeitgeber, in Gardelegen das ehemalige AKT (Kunststofftechnik, ein Automobilzulieferer), der viele Arbeitskräfte aus Polen bindet. In Stendal zieht mehr der ganze Kreis an, nicht ein einzelnes Unternehmen.

Es stimmt allerdings – EU-Bürger als mobile Beschäftigte fallen weniger in die Wahrnehmung unserer Tätigkeiten, und sie wurden und werden in gewisser Weise vernachlässigt. Wenn man sieht, wie sie sich selbstständig ‚durchwurschteln‘, drängt sich der Eindruck auf, dass der Integrationsbedarf für diese Zuwanderungsgruppe nicht so gravierend ist, wie es bei den Geflüchteten der Fall ist. Jeder EU-Migrant kommt ja eigentlich als Arbeitnehmer her. Natürlich bringt das Probleme mit sich, aber da arbeiten wir mit dem Projektpartner BemA von Arbeit und Leben e.V. zusammen, da gibt es sicherlich noch Nachholbedarf, was die Erfassung der Problemlagen und die mögliche Unterstützung und Vernetzung betrifft. Größtenteils läuft es auf Unterstützung durch die GBB-Stellen (Gesonderte Beratung und Betreuung) hinaus und auf die Vermittlung an Sprachkursträger. Doch insgesamt sind die Fallzahlen wesentlich geringer verglichen mit den Geflüchteten.

IL: Das Thema EU-Migranten gehört nicht zu den aktuellen Hauptaufgaben der Koordinierungsstelle. Da jedoch die durch die Freizügigkeitsregelung in den Altmarkkreis Salzwedel gekommenen Zuwanderer sowie Familienangehörige meist in Arbeit, also in das Leben in Deutschland eingebunden sind, wurden bisher keine Forderungen nach spezifischen Angeboten an mich herangetragen. Die vorhandenen Angebote, wie zum Beispiel ehrenamtliche Sprachkurse in Gardelegen, sind auch für die EU-Migranten offen und können jederzeit genutzt werden.

Analog zur Verfahrensweise und Situation in Stendal wird für die Beratung zu den Rechten der EU-Migranten bei Bedarf auf das Projekt „BemA- Beratung migrantischer Arbeitskräfte“ von Arbeit und Leben Sachsen-Anhalt e.V. in Magdeburg verwiesen.

Abschlussveranstaltung „Willkommensbehörde“ in der Staatskanzlei Magdeburg (7.11.2018) (v.l.n.r. Integrationskoordinator Jakob Wernike, Sozialamtsleitung Fr. Rütten, Sachgebietsleitung Ausländerbehörde Fr. Lange, stellv. Sachgebietsleitung Ausländerbehörde Fr. Ohnesorge, Innenminister LSA Hr. Stahlknecht) ©Matthias Piekacz

DJ: Welche Rolle spielt das Ehrenamt im Bereich der Integrationsarbeit des Landkreises? Gibt es Initiativen, um die zivilgesellschaftlichen Potenziale zu nutzen und in Netzwerken zu binden?

Ferientöpferkurs für Zugewanderte und Einheimische mit Künstlerin Helga Geißler ©Inka Ludwig

IL: Das Ehrenamt spielt bei der Integrationsarbeit eine entscheidende Rolle, da es Aufgaben übernimmt, die das Hauptamt meist zeitlich und personell nicht leisten kann, wie zum Beispiel die individuelle Begleitung Einzelner.

Dank der Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt hat der Altmarkkreis Salzwedel 23 Integrationslotsen, die sich über den gesamten Altmarkkreis verteilt um Zugewanderte kümmern. Dabei reichen die Aufgaben vom Ausfüllen von Dokumenten über Begleitung bei Arzt- oder Behördengängen bis hin zur gemeinsamen Freizeitgestaltung. Sie sind auf Grund ihrer Vermittlerfunktion ein Bindeglied zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Neuzugewanderten. Die Integrationslotsen sind in alle Aktivitäten des Netzwerkes Integration mit eingebunden und werden über alle Neuerungen oder Veränderungen umgehend informiert.

Die Diakonische Flüchtlingshilfe des Kirchenkreises Salzwedel unterhält ebenfalls ein Netzwerk aus ehrenamtlich Engagierten. Der Kontakt zwischen der Koordinierungsstelle und der Diakonischen Flüchtlingshilfe ist sehr gut, so dass Doppelbetreuungen ausgeschlossen werden können. Die Ehrenamtlichen werden außerdem häufig gemeinsam zu Weiterbildungs- oder Informationsveranstaltungen eingeladen, so dass ein Austausch zwischen den beiden Gruppen untereinander, aber auch mit dem Netzwerk gegeben ist.  

Ehrenamtscafé in der Kleinen Markthalle Stendal (10.10.2018) Vorstellung Projekt „SiSA“ vor Ehrenamtlichen und Geflüchteten ©Koordinierungsstelle Integration

JW: Auch wir betreuen die ehrenamtlichen Integrationslotsen, bieten Schulungsangebote an, nutzen Synergieeffekte zu den Familienpaten (ehrenamtliche Paten für sozial schwächere Familien). Unsere Integrations-Lotsen sind zwar rein für die Migranten da, aber es gibt Möglichkeiten der Überschneidung, und solche Schnittstellen organisieren und steuern wir, das heißt wir organisieren, dass beide Gruppen Berührungspunkte haben, damit die Aktivitäten sich ergänzen oder ineinandergreifen können. Und managen damit, dass die Ergänzungsmöglichkeiten auf der operativen Ebene zusammenkommen.

Dazu gehört im Übrigen auch die Akquise von Ehrenamtlichen. Wir sind hier gut vernetzt im Bereich, wir schauen, wer hilft schon wo in der Nachbarschaft, bringt sich ein beispielsweise im Vereinswesen, es gibt ja hier Formate, wo sich ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement austauschen, im wöchentlich stattfindenden Ehrenamtscafé etwa. Dadurch haben wir Zugang zur Community der Migranten, und so können wir viele direkt ansprechen, beispielsweise die Lotsen mit Migrationshintergrund – Afghanen, Syrer, Eritreer etwa – das ist natürlich ein Vorteil für die Integrationsarbeit, wenn es um den Vertrauensaufbau geht.

Die Ehrenamtscafés gibt es gestreut hier im Landkreis, das sind Sammelbecken für den Austausch, und wir nutzen das v.a. für den Austausch mit den Ehrenamtlichen und Neuzugewanderten vor Ort. Und einmal im Jahr organisieren wir Gesprächsrunden mit den Ehrenamtlichen und Behörden.

 

DJ: Verfügen Sie über Möglichkeiten, die Arbeit von Ihnen auf der Koordinierungsstelle sichtbar zu machen, zum Beispiel mit Darstellung gelungener Praxisbeispiele, haben Sie ggf. eine eigene Website?

IL: Um die Arbeit der Koordinierungsstelle sowie der Akteure der Integrationsarbeit darzustellen nutzt der Altmarkkreis Salzwedel folgende Methoden:

Die Internetseite des Altmarkkreises Salzwedel bietet Informationen zu Rahmendaten, zum Netzwerk, zur Unterstützung vom Bund und Land, zur Interkulturellen Woche sowie zum Ehrenamt. Weiterhin gibt es dort eine Rubrik „Aktuelle Informationen & Ankündigungen“, die wöchentlich aktualisiert wird (https://www.altmarkkreis-salzwedel.de/bildung-soziales/integration-asyl.aspx)

Mehrmals im Jahr wird der Newsletter Integration von der Koordinierungsstelle herausgegeben. Der Newsletter bietet für Interessierte Informationen über Integrationsnetzwerkpartner, Beratungsstrukturen, aktuelle Themen, vergangene und zukünftige Veranstaltungen. Er kann sowohl als Druckexemplar, als auch auf der Internetseite des Altmarkkreises Salzwedel und dem Integrationsportal Sachsen-Anhalt als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

JW: Auch der Landkreis Stendal hat eine Internetpräsenz für unseren Tätigkeitsbereich: https://migration.landkreis-stendal.de/de/mig_willkommen.html

Die Seite ist teilweise noch im Aufbau begriffen, aber man findet hier einige grundständige und gebündelte Informationen zu Ansprechpartnern, und zwar im Bereich „Netzwerk Integration“ mit seinen Akteuren, Veranstaltungshinweisen, dem Arbeitstisch Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration.

Vortrag der Staatssekretärin und Integrationsbeauftragten Susi Möbbeck während des Bürgerdialogs im Altmarkkreis Salzwedel (19.03.2019) ©Inka Ludwig

Und dann sind wir stolz auf unsere regelmäßig aktualisierte, mittlerweile ziemlich umfangreiche Broschüre „Neue Heimat Stendal“, die gedruckt und online verfügbar ist. Hier haben wir alles Wissenswerte für Migranten und Zuwanderer strukturiert zusammengefasst,

es ist eine grundständige Handreichung zur Orientierung im Landkreis mit Hinweisen zu allen einschlägigen Unterstützungsangeboten – für Drittstaatsangehörige ebenso wie für EU-Bürger. Im Übrigen arbeiten wir auch mit dem Integrationsportal zusammen, herausragende Aktivitäten oder Hinweise auf Neuerscheinungen beispielsweise können wir hier jederzeit platzieren, um überregional auf unsere Angebote und Aktivitäten aufmerksam zu machen. Und schließlich versuchen wir immer, die Regionalpresse (Volksstimme. Altmarkzeitung u.a.) einzubinden, vor allem für die Kommunikation guter Beispiele, was wir selbst auch flankieren mit unseren Pressemitteilungen.

DJ: Welche Möglichkeiten des fachlichen Austauschs mit ihren anderen Kolleginnen und Kollegen auf den sogenannten Koordinierungsstellen in Sachsen-Anhalt gibt es, wie können Sie diese für Ihre Arbeit nutzen?

JW: Da fällt mir zuerst die vom IKOE-Projekt der Auslandsgesellschaft (AGSA) organisierte IKOE-Ideenwerkstatt ein, des Weiteren dann die Fortbildungen im Rahmen des Bildungsurlaubs, Projektmanagement im interkulturellen Kontext, auch die Angebote mit den Themengebieten der Friedrich-Ebert-Stiftung. Dann gibt es für uns Koordinatoren noch die Angebote des Landesverwaltungsamts, also landes- und bundesweite Fortbildungsveranstaltungen, da können wir mit der Leitung entscheiden, was wir wahrnehmen. Nicht zu vergessen: Fachtage oder Fachkonferenzen, und die Veranstaltungen im Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration in Magdeburg.

IL: Die Ideenwerkstatt der AGSA, die turnusmäßig stattfindet, bietet eine gute Plattform, um alle Kolleginnen und Kollegen der Koordinierungsstellen in Sachsen-Anhalt zu einem fachlichen Austausch zu treffen. So kann ich neue Ideen für Veranstaltungen oder Informationen zu Fördermitteln, die während dieser Veranstaltungen angesprochen werden, für meine Arbeit nutzen.

Auf anderen Veranstaltungen, wie der Verbändeberatung des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Integration, bietet sich ebenfalls die Möglichkeit des Austauschs. Falls konkrete Fragen entstehen, kann für Absprachen außerdem schnell zum Telefonhörer gegriffen werden.  

Frau Ludwig, Herr Wernike, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin gute Erfolge in Ihrer weiteren Arbeit als Koordinatoren für Integration!

Anfahrt

 

Integrationskoordinator

 

Jakob Wernike Hospitalstraße 1-2 39576 Hansestadt Stendal Telefon: +49 3931 60-8059 E-Mail: Jakob.Wernike@landkreis-stendal.de

 


Integrationskoordinatorin

Inka Ludwig Karl-Marx-Straße 32 29410 Salzwedel Telefon: +49 3901 840-257 E-Mail: Inka.Ludwig@Altmarkkreis-Salzwedel.de

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Imprint

 

Konzeption & Text: Team IKOE

Gestaltung, Umsetzung & Programmierung: Oliver Bunke, Oligoform GBR

Erscheinungsdatum: 2019

Seriennummer: Diversity JournalIKOE II/12019

ViSdP: Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e. V.: Netzwerk Interkulturelle Orientierung / Öffnung – Fortbildungs- und Beratungsservice für Verwaltungen

Sämtliche Rechte an Text, Bild & Gestaltung liegen bei der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e. V.: Netzwerk Interkulturelle Orientierung / Öffnung – Fortbildungs- und Beratungsservice für Verwaltungen, Servicestelle IKOE

Bildrechte (wenn nicht anders angegeben): Team IKOE